„Was würdest du tun, wenn du deinen Vater mit einer anderen Frau erwischen würdest?“ – Ich sitze also gerade vor dem TV, meine Mutter auf der anderen Seite der Couch und alles ist wunderbar idyllisch. Dann diese Frage. Ich hätte nie gedacht, dass so eine einfache, nebenbei gestellte Frage so einen Schwall an Gefühlen auslösen kann. Weil klar ist, was nach dem Betrug kommt: Trennung. Und das ist einfach ein Tabu-Thema bei mir. Ich kenne so viele, deren Eltern sich getrennt haben und ich seh doch wie das ist. Zwei Betten, zwei Häuser, manchmal sogar zwei Städte, zwei Länder. Und auf jeden Fall zwei Leben. Ich würde nicht alle paar Wochen aus dem einen Leben in ein anderes schlüpfen wollen. Aber sich einen Elternteil aussuchen? Eine Entscheidung treffen zwischen Mom und Dad? Ich liebe beide, wie könnte ich bei nur einem wohnen?
Ich würde also vor einer extrem schwierigen Entscheidung stehen, die ich mir am liebsten abnehmen lassen würde. Doch wer würde schon darüber entscheiden können, bei wem ich besser leben kann? Klar, Papa verdient mehr, er könnte das bessere Leben bieten. Dafür ist er aber nie daheim. Nein, das könnte ich mir nicht aussuchen.
Dazu kommt noch, dass sie sich wohl kaum auf freundschaftlicher Basis trennen würden. Sie würden miteinander reden – ich bin mir sicher – für uns Kinder eben. Aber wie wäre das denn, dieses stocksteife „wir-dürfen-uns-nicht-anschreien-wenn-die-Kinder-dabei-sind“-Gehabe. Nein, nein, bitte nicht.
Anderes Problem: Ich stelle mir vor, mein Vater hat eine Andere. Und meine Mutter verzeiht ihm. Sie bleiben zusammen. Könnte ich ihm auch verzeihen? Und einfach so tun, als wäre das nie passiert, mit ihm zusammenleben wie vorher auch? Klares nein.
Mir geht das alles durch den Kopf, während ich auf den TV starre und meine Mutter neben mir seelenruhig ihr Buch weiterliest. Und ich bin wahnsinnig verwirrt und durcheinander, was soll ich denn antworten? Mir steckt ein Kloß im Hals, irgendwie macht mich allein der Gedanke traurig.
Ich sage also mit belegter Stimme „Ich würd’ ihm eine runterhauen und sagen, er soll sich bloß nicht mehr blicken lassen.“ Und während meine Mutter lacht, denke ich mir nur „Das war kein Scherz und ich hoffe, ich komme nie in die Situation, ihm das sagen zu müssen.“
03. mai ’09 18:56

Am 3. Mai 2009 um 20:38 Uhr